109 Tage in einer fremden Kultur

109 Tage bin ich schon in Uganda und irgendwas ist anders. Ich habe neue Freunde gefunden, wasche meine Wäsche per Hand und bin halt einfach fort. Uganda ist eine unglaublich fremde Kultur, aber um die soll es in diesem Blogeintrag nicht gehen. Eine andere Kultur liegt mir hier nochmal deutlich mehr am Herzen und zwar die, die mich aufgenommen hat so wie ich bin. Die ich ins Herz geschlossen habe, wie nichts Anderes. Die Kultur der Gehörlosen.

Wie jetzt? Das ist eine andere Kultur?

Klar ist sie das, denn sie ist abgegrenzt wie keine andere. Ein Ugander kann sich immer noch mit einem Deutschen auf Luzungu (Englisch) verständigen. Wie geht das mit einem Hörenden und einem Gehörlosen? Tiefgründige Konversationen sind jetzt nicht das erste was mir als Zeitvertreib für die beiden in den Sinn kommt. Dabei hat ein Gehörloser genauso seine eigene Meinung wie wir, kann sie ohne Dolmetscher aber leider nicht öffentlich kundtun.

Das klingt jetzt alles sehr pessimistisch. Ist das Leben eines Gehörlosen jetzt weniger lebenswert? Weil er mit einem Gros der Menschen unseres blauen Planeten nicht barrierefrei kommunizieren kann? Ist er behindert? NEIN! Und 300%tig nicht in Kampala. Ich habe jetzt schon einiges in dieser Kultur erlebt. Habe mehrere Gehörlosenschulen, Deaf Vocational Trainingscenter (Ausbildungsschulen), die nationale Gehörlosenorganisation (UNAD), die Gehörlosenkirche, die Gehörlosenfußballliga und vieles mehr gesehen. Die Community ist hier einfach absolute SPITZENKLASSE! Der Zusammenhalt ist riesig genauso wie die Anzahl der Mitglieder darin, zu denen auch Hörende zählen.

Der Lautsprache beraubt, haben die Menschen hier nicht aufgegeben. Sie haben sich ihr eigenes Umfeld und ihre eigene Sprache geschaffen. Kurzum eine Große Welt in klein. Es ist wie ein kleines Dorf in einer großen Stadt, in der die Ältesten die Jüngeren erziehen und zeigen wie man das Leben zu führen hat.

In dieser fremden Kultur der Gehörlosen ist natürlich vieles anders. Uganda halten an sich schon sehr stark zusammen, in der Community hier, ist der Zusammenhalt jedoch nochmals stärker. Jeder kennt jeden und jeder hilft jedem. Das Prinzip der Gegenleistung nach dem Motto ich helfe dir, dann musst du mir aber auch helfen, ist hier außer Kraft gesetzt. Zusätzlich manche Menschen sehr gläubig und wissen, dass Gott jedes seiner Kinder liebt und nicht einen Gehörlosen weniger, als einen Hörenden. Was mir besonders gefällt ist die Zuversicht und besonders die Zufriedenheit der Menschen. Dazu trägt aber auch die Offenheit der Hörenden bei, da diese auch trotz der Kommunikationsblockade versuchen einen Austausch zu ermöglichen.

Der Umgang der Hörenden mit den Gehörlosen ist hier sehr verständnisvoll. Von Til weiß ich, dass man in unserem Heimatland auch viel verständnislosen Umgang, als Gehörloser erleben kann. Außerdem hat er mir erzählt, dass Gebärdensprache bis 2002 in deutschen Schulen verboten war. So ziemlich das alpha und omega des sozialen Lebens eines Gehörlosen. Auch sonst finde ich, dass in Uganda Gehörlose gut integriert sind. Ich habe letztens eine Bankangestellte kennengelernt, es gibt viele Lehrer, Schreiner, Köche, Maler, Näher, Maurer, und so weiter. Gehörlose sind in fast allen Berufsfeldern zu finden. An der Kyambogo Universität (habe ich letztens besucht) gibt es für viele Studienfächer eigene Dolmetscher.

Was ich bisher noch nicht gesehen habe, ist Armut. Alle Gehörlosen, die ich kenne, haben ein geregeltes Einkommen. Das wird nicht immer gerecht und hoch genug sein, jedoch ist es besser als nichts.

Dass Til und ich schon so viel von der Kultur erleben konnten, haben wir vielen Menschen zu verdanken. Hauptsächlich jedoch Julius, der uns viele Teile der Community gezeigt und erklärt hat. Aber auch den Schülern, die uns jeden Tag an ihrem Leben teilhaben lassen.

Man könnte auch meinen, dass Musik nicht zum Leben eines Gehörlosen gehört. In einer Sportstunde haben wir heute jedoch Tanz unterrichtet. Zwei Trommel geschnappt unseren zwei besten Drummern Kaliisa Arafat und Senyonko Elivis in die Hand gedrückt und los gings. Traditionelle Tänze aber auch Twerken (Arschwackeln) hatten die Kinder in Perfektion drauf. Außerdem bin ich gerade dabei diesen Artikel fertig zu schreiben und neben mir sitzt Arafat, der die Musik auf meinem PC entdeckt hat. Ist kaum noch zu halten der Junge J

Zuletzt will ich noch sagen, dass ein gehörloses Kind genauso ein Leben voller Freude und Glück führen kann wie ein anderes. Es gibt auch Gehörlose / Hörgeschädigte, die in einer Hörenden Community Leben. Rhythmus und Musik gehört in ihrem Leben auch dazu. Und vom Tanzen lassen sich Ostafrikaner wohl in keiner Situation abhalten 😛

Ach ja … und das geht auch alles ohne Hörgerät 🙂

Beste Grüße aus dem geilsten Land der Welt

euer Malte 😀

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